«ich»-Gebrauch in wissenschaftlichen Texten

«ich»-Gebrauch in wissenschaftlichen Texten

(Handout für Studierende)


Darf man «ich» in wissenschaftlichen Texten schreiben? – Das ist wohl eine der häufigsten Fragen, die Schreibberatungen zu beantworten haben. Um es vorweg zu nehmen: Man darf. Aber nicht immer und nicht in jeder Form.


Steinhoff (2007: 171f.) weist anhand von publizierten wissenschaftlichen Aufsätzen in Sprach-, Literatur- und Geschichtswissenschaft nach, dass in fast 60 Prozent aller Texte «ich» mindestens einmal verwendet wird (im Durchschnitt 3,4 Mal pro Text). Wenn Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen selber «ich» verwenden, macht ein «ich»-Verbot für Studierende keinen Sinn.

Nicht in jedem Fach oder in jeder Disziplin wird «ich» jedoch gleich häufig verwendet: In sprachwissenschaftlichen Texten wird das «ich» am häufigsten verwendet. Weniger oft findet es sich in literatur- und am seltensten in geschichtswissenschaftlichen Aufsätzen.

Entscheidend ist nicht, ob «ich» verwendet wird, sondern wie. Nach Steinhoff (2007: 169–205) wird «ich» vor allem im Zusammenhang mit Orientierungen für die LeserInnen (vgl. Tabelle 1: A1) oder bei der kritischen Auseinandersetzung mit bestehendem Wissen und der Schaffung von neuem Wissen (A2) als wissenschaftlich empfunden. Hingegen werden autobiografische erzählende Textpassagen mit «ich» von Wissenschaftlerinnen als unwissenschaftlich eingestuft (vgl. Tabelle 1: B):

A
wissen-schaftlich
1) Im Folgenden möchte ich [Gegenstand X] genauer bestimmen.
Ich werde mich zunächst der Frage widmen, ob …
Zum [Gegenstand X] verweise ich auf [Aufsatz Y].
2) Ich bezeichne [Gegenstand X] als [Begriff Y].
Dabei gehe ich davon aus, dass …
[Aussage X] kann ich nicht zustimmen.
B
unwissen-schaftlich
Ursprünglich hatte ich geplant …
… während ich zunächst gedacht hatte …
… da ich in meiner Schulzeit …

Tabelle 1: Beispiele nach Steinhoff (2007: 169–205)


Der Gebrauch von «ich» kann auch umgangen werden, indem alternative sprachliche Strategien verwendet werden. Die folgende Tabelle zeigt einige dieser Strategien. Die daraus abgeleiteten Formulierungen gelten gemeinhin auch als wissenschaftlich (vgl. Steinhoff 2007: 165–276 und Kruse 2007: 107–109):

Formulierung mit «ich» Alternative Formulierung
Zunächst gehe ich der Frage nach
Ich halte fest, dass ...
Abschliessend untersuche ich, wie …
Zunächst wird der Frage nachgegangen …
Es kann festgehalten werden, dass …
Abschliessend soll untersucht werden, wie …
Mit vorliegendem Beitrag will ich versuchen …
Im ersten Kapitel untersuche ich …
Der vorliegende Beitrag will versuchen …
Das erste Kapitel untersucht …
Ich bin der Meinung, dass
… wie ich meine …
Meines Erachtens …
m.E. (meines Erachtens)
Zusammenfassend halte ich fest, dass … Zusammenfassend kann man festhalten, dass …
Zusammenfassend kann ich festhalten … Zusammenfassend lässt sich sagen, dass …

Tabelle 2


In älteren wissenschaftlichen Arbeiten ist manchmal das «wir» im Sinne eines Pluralis Majestatis als Ersatz von «ich» anzutreffen. Diese Verwendungsweise gilt inzwischen als veraltet.

Die geringe Verwendung von «ich» in wissenschaftlichen Texten lässt sich nach Kruse (2007: 106) mit der Absicht erklären, einen Gegenstand sachlich darzustellen:


«Wissenschaftliche Texte vermeiden persönliche Informationen wie Anmutungen, Erzählungen aus dem eigenen Leben, ästhetische Urteile und poetische Ausdrucksweisen. Sie verzichten ebenfalls auf Humor, Ironie und Spannung erzeugende Elemente. Sie haben nicht den Zweck zu unterhalten, sondern nur zu informieren und zu argumentieren.»


Diese Absicht wird in allen Fächern und Disziplinen verfolgt. Die Literatur- und die Geschichtswissenschaft sehen sich aber nach Steinhoff (2007: 171) öfters dem Vorwurf ausgesetzt, sie seien zu subjektiv. So bemühe man sich in diesen Wissenschaften deshalb besonders, jeglichen Eindruck von Subjektivität zu vermeiden. Vermutlich ist dies der Grund, warum es dort weniger üblich ist, «ich» zu verwenden. Im Gegensatz dazu sieht sich nach Steinhoff die Linguistik mit ihren deskriptiven und empirischen Methoden sowie ihrer Nähe zu den Sozial- und Naturwissenschaften weniger solchen Vorwürfen ausgesetzt.

Tipp: Wenn Sie unsicher sind, ob der «ich»-Gebrauch in anderen Fächern oder Disziplinen üblich ist, schauen Sie am besten Fachartikel oder wichtige Publikationen gezielt daraufhin durch: Es genügt, wenn Sie sich dabei auf Einleitungen zum ganzen Text oder zu Kapiteln konzentrieren.


Literatur:

Kruse, Otto (2007): Keine Angst vor dem leeren Blatt. Ohne Schreibblockaden durchs Studium. 12., völlig neu bearb. Aufl. Frankfurt a.M./New York: Campus.

Steinhoff, Torsten (2007): Wissenschaftliche Textkompetenz. Sprachgebrauch und Schreibentwicklung in wissenschaftlichen Texten von Studenten und Experten. Tübingen: Niemeyer. (= Reihe Germanistische Linguistik 280).

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